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Komponieren hieß immer schon, nicht nur ästhetisch, sondern auch politisch, Stellung zu beziehen. Der Komponist Dietrich Lohff besucht den Musikkurs des 11. Jahrgangs. Es wird eine spannende Begegnung. Hier die Eindrücke der Schülerinnen und Schüler.
 Foto: Dietrich Lohff am Freitag, den 6. November 2009, in der Bertha-von-Suttner-Gesamtschule Dormagen
 
Von Schülerinnen und Schülern
Neue Oper im Jahr 2012
Dietrich Lohff ist nebenamtlicher Kirchenmusiker. Zur Zeit an der evangelischen Kirche in Dossenheim bei Heidelberg. Er komponiert Kirchenmusik und leitet außerdem mehrere Chöre. Das nächste Projekt von Dietrich Lohff soll ca. 2012 heraus kommen. Es ist ein Werk über die Kinderkreuzzüge von 1212. Hierbei möchte er, in Gedenken an die Kinderkreuzzüge, eine Oper schreiben und diese in mehreren Orten (die gleichzeitig Stationen auf dem Kreuzzug von Deutschland <Köln> bis Italien <Rom> darstellen) aufführen lassen. (M.P.)
 
Werke
Der deutsche Komponist Dietrich Lohff wird bekannt durch sein wohl erfolgreichstes  Stück „Requiem für einen polnischen Jungen“. Dieses Requiem gilt dem Gedenken an die Opfer des Holocaust und so sagt der Komponist selbst über sein Stück: „Ich habe es nicht übers Herz gebracht, auf den lautlosen Tod eines kleinen Jungen mit gigantischen orchestralen Aufwand zu reagieren und seine Ermordung zu beklagen, als gelte es, das Ohr einer schwerhörigen Gottheit zu erreichen.“
Das Stück ist in sechs deutschen Städten gleichzeitig uraufgeführt und Teile daraus werden 1999 in einer Feierstunde des deutschen Bundestages gespielt. Doch Dietrich Lohff komponiert nicht nur das Requiem. Er produziert außerdem noch Stücke wie z.B “David und Goliath“. In dieser Kantate geht es darum, dass sich Kinder gegen die Eltern durchsetzten. Es geht um eine bessere Zukunft. Andere Werke von Lohff sind das Oratorium "Luther" oder das Kirchenmusical „Franz von Assisi“ das von  einer Jugendkantorei in Auftrag gegeben wird. Zusammen mit dem Leiter der Kantorei entsteht ein Stück, das für Jugendliche gemacht, aber auch für Erwachsene gedacht ist. Ein eher unbekanntes Stück ist das „Lammento dorisch“. Es ist ein Stück für Altsaxophon und eine Orgel. Das wohl aktuellste Werk von Dietrich Lohff ist die Oper "Jochanaan". Ihre Uraufführung findet am  9. Mai 2009 statt. In dieser Oper, die für Kinder gemacht ist, geht es um einen Waisenjungen, der bei einer fremden jüdischen Familie aufwächst. Später erfährt er, dass er Christ ist und von seinen Verwandten zurückgefordert wird. So kommt es, dass Jochanaan zwischen zwei Religionen und zwei Familien steht.
Ich fand die Diskussion sehr aufschlussreich. Wir haben viel erfahren und Neues über die Person Dietrich Lohff kennen gelernt.
Jedoch ist das Interview nicht ganz so gelaufen, wie wir uns das vorgestellt hatten. Wir haben von Herr Lohff nicht die Gelegenheit bekommen, unsere gut formulierten Fragen zu stellen. Dennoch: Alles in allem fand ich die Unterhaltung sehr informativ und aufschlussreich. (T.G.)
 
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Person
Bevor ich zu dem Interview mit Dietrich Lohff gehe, besitze ich zunächst eine ganz andere Vorstellung von ihm. Bis zu dem Zeitpunkt des Interviews denke ich, dass Komponisten 'pingelig' und überheblich sind. Aber ich muss sagen, dass Dietrich Lohff mich vom Gegenteil überzeugt hat. Er ist viel persönlicher und offener zu uns gewesen, als ich es mir je vorgestellt habe. Er sieht auch nicht so aus, wie ich mir einen typischen Komponisten vorstelle. Sondern eher wie der typische 'Single-man', der sein Leben so lebt, wie er es will und für richtig hält und der sich bestimmte Verhaltensweisen von außen unter gar keinen Umständen vorschreiben lassen will. Daher kommt er mir nicht als Lehrer, sondern wie eine Art „Kumpel“ vor, der seinen Schülern über andere Wege und mit anderen Mitteln etwas beibringen will. Auch das Interview stelle ich mir ebenfalls ganz anderes vor und wiederum irre ich mich. Statt einem Interview sprechen wir lieber von einer Erzählung seinerseits. Lohffs Vortrag verläuft meines Erachtens sehr gut und wesentlich entspannter als ich denke. Es ist sehr interessant und spannend ihm zu zuhören und an seinen Erfahrungen teil zu haben. Er erzählt sehr viel, und somit erübrigen sich Fragen, die wir ihm stellen wollen. Da wir uns im Musikunterricht schon etwas mit ihm und seiner ausführlichen Homepage befasst haben, erkennen wir viel von dem, was Lohff berichtet, wieder.
Alles in allem finde ich, dass das „Interview“ mir wirklich sehr viel Spaß gemacht hat. Ich würde jeder Zeit noch einmal eine solche Gelegenheit wahrnehmen und es jedem empfehlen, der die Chance dazu bekommt. (F.S.)
 
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Rockmusiker und Musiklehrer
Dietrich Lohff wird 1941 in Berlin als Sohn eines Pfarrers geboren. Er studiert nach der Schule Schulmusik, Kirchenmusik und Germanistik. Seine Kompositionslehrer sind Werner Zimmermann und Georg von Albrecht. Er arbeitet auch mit György Ligeti zusammen. Er gründet die Rockband „heaven on earth“, mit der er dann auch über 5 Jahre auf Tournee geht. Er ist der Kopf der Gruppe „Golem“. Wegen seiner Aktivität im SDS (Sozialistischer deutscher Studentenbund) und als Herausgeber der Zeitschrift "Die rote Schülerpresse" erhält er 1970 Berufsverbot. Ab da arbeitet er als Musiklehrer an einer Privatschule. Nebenbei ist er auch in anderen Berufen tätig, zum Beispiel als Bandleader, Fußballtrainer und mehr. Er erhält mehrere Kompositionsaufträge. Bekannt wird er vor allem durch sein Werk "Requiem für einen polnischen Jungen", in welchem Texte von Opfern des Faschismus vertont sind. Das Werk wird 1998 in sechs deutschen Städten gleichzeitig uraufgeführt. Seit 40 Jahren ist er nebenamtlicher Kirchenmusiker. Zur Zeit ist er an der evangelischen Kirche in Dossenheim bei Heidelberg tätig und schreibt an einer Oper, die 2012 uraufgeführt werden soll. (M.M.)
 
Schoah, Holocaust & Warschauer Ghetto
Als Schoah (hebräisch השואה, ha'Schoah, Übersetzt: Unheil, große Katastrophe) oder auch oft als Holocaust (griech. ὁλοκαύτωμα, holokáutoma, Übersetzt: vollständiges Verbranntes oder auch Brandopfer) bezeichnet, nennt man die Massenvernichtung der Juden von den Nazis in der Zeit von 1933-1945. Dort wurden nach heutigen Erkenntnissen 5,6 bis 6,3 Millionen Menschen auf grausamste Weise zusammengepfercht, zu brutaler Arbeit gezwungen und schließlich auch ermordet. Dies geschah in Konzentrationslagern, wo die Lebensbedingungen grausam und unmenschlich waren. Das grausamste und das Lager, welches die meisten Ermordungen zu verzeichnen hat, war Auschwitz. Es war ein Vernichtungslager. Nur Wenige schafften es dort längere Zeit zu überleben oder auch lebendig frei zu kommen. Diejenigen, die überlebten waren physisch und psychisch stark belastet. Aber dennoch gibt es auch heute noch Überlebende, die sich bereit erklären, über diese Ereignisse für die Öffentlichkeit zu berichten.
Nach der Eroberung Polens durch die Nazis mussten in Warschau alle Juden, ab dem 2. Oktober 1940 innerhalb von 6 Wochen, in den westlichen Teil der Stadt zwangsumziehen. Am 15. November 1940 wurde der Stadtteil mit einer 18 km langen und 3 Meter hohen Mauer umzogen. Im Getto herrschte durch die Lebensmittelrationierung starke Hungersnot und es gingen viele Krankheiten um. Kurz gesagt: die Lebensbedingungen im Getto waren grauenvoll. Am Rande des Getto siedelten sich ca. 50 Privatbetriebe an, in denen Juden aus dem Getto zur Zwangsarbeit gerufen wurden. (T.H.)
 
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 "...damit niemand mehr von uns schweigend zusieht, wenn Menschen Menschen zu Opfer machen." Das ist der in Gedichtform gegossene Wunsch des zeitgenössischen Komponisten Dietrich Lohff, den er mit seinem "Requiem für einen polnischen Jungen" verbunden wissen will.
 
Requiem für einen polnischen Jungen
In den von ihm vertonten Gedichten möchte Dietrich Lohff zeigen wie Menschen damals gelitten haben und wie sie zu Opfern des Faschismus wurden.
Er möchte uns zum Nachdenken bringen und zum Trauern.
1.Totengebet. In dem ersten Stück singt der Chor zu Gott. Es gibt nur eine einzige a-capella-Stelle. Und jede Stimme ist (imitatorisch) allein geführt. Damit soll verdeutlicht werden, dass es keine andere Unterstützung bei dem Versuch gibt, die "Münder" der "Toten" zu sein.
2. Schlaflied für Daniel. Hier geht es um ein Elternteil, das mit seinem Jungen redet und ihm von den Toten von Auschwitz erzählt und wie sie umgebracht wurden. Im Unterricht haben wir davon gesprochen, dass in solchen Zeiten der Traum nur als Alptraum denkbar ist - dass die Realität den Alptraum noch zu übertreffen vermag. Der Autor Siegfried Einstein siedelte nach dem Krieg aus dem kleinen Ort Lampertheim in die anonyme Großstadt Mannheim - um dem antisemitischen 'Mobbing' in dem kleinen Nest zu entfliehen.
3. Sonett von der endgültigen Frage. Man redet davon, wie schön die Erde doch ist - aber das Grauen säumt die Wege! Ein Junge ist an einem Baum erhängt. Und trotzdem steht die besungene Schönheit der Erde schon zu Beginn unter einem, vom Komponisten formulierten, Vorbehalt. Dem Unisono der Chorstimmen fehlt das Fundament, die "Schönheit" der Erde wirkt "tönern".
4. Ich möchte leben. Es geht darum, dass ein Junge (gesungen von einer Knabenstimme) die Unmöglichkeit seines Lebens vor ihm sieht - stattdessen ein Warten auf den Tod. "Das Leben ist rot" - gemeint ist blutrot.
5. Euch fehlt die Phantasie. Es ist eine Vorahnung des Holocaust. Schon 1934 wird in diesem Stück ahnungsvoll vorweggenommen, was keiner für möglich hält. Eben: Es "fehlt die Phantasie". Menschen werden verjagt, sie verlieren alles, sie werden vergessen. Eine beständige rhythmische Umakzentuierung setzt sich gegen den Text und verstärkt den Eindruck eines blauäugigen Nichtwahrhabenwollens.
6. Elegie auf einen polnischen Jungen. Es geht um die düstere Realität eines polnischen Jungen, in dem nur der Tod das Ende der Übel bedeutet.
7. Heimkehr. Dort ist alles verloren. Man hat nichts mehr. Alles ist verdorben. Man fragt sich, was aus dem Vaterland geworden ist. Wie schlimm alles geendet hat. Und: "Wenn wir unseren Kindern begegnen - sie werden uns nicht mehr verstehn." Vielleicht das Schlimmste, was Überlebenden passieren kann.
8. Ein jüdisches Kind. Dort spricht ein Kind das heimatlos (geworden) ist. Es endet, indem es sagt, das es für diese schlimme Tat keine Sprache gibt. "Für das, was wir ertragen, ist jede Sprache stumm." Im vorletzten Takt enden die Stimmen der Instrumente, die Knabenstimme alleine singt die letzten beiden Wörter. Stumm verharren auch das Publikum und die Musiker nach diesem Schluss der Aufführung in Dormagen in der Christuskirche. Es gibt keinen Applaus. (S.I. & J.M.)
 
Reaktionen
Im Jahre 1998 wird das Werk in sechs deutschen Städten gleichzeitig uraufgeführt. Anlässlich einer Feierstunde im Bundestag werden 1999 einige Teile des Werkes aufgeführt. Es gab bis jetzt schon um die 70 Aufführungen in Deutschland und in Österreich. Die polnische Erstaufführung findet 2004 in Wroclaw statt. Außerdem wird das Werk öfter im Rundfunk gespielt und auch auf CD herausgebracht. Am 09. November 2008 wird das Stück in Osnabrück zum Gedenken an den 70. Jahrestag der Reichspogromnacht gespielt. Unter anderem spielt man das Stück auch schon in verschiedenen Synagogen. Auch gibt es eine Aufführung in Itzehoe für die Oberstufe eines Gymnasiums. Die Schüler haben sich vorurteilsfrei dem Stück geöffnet und sind nach der Vorstellung beeindruckt. Auch die Oberbürgermeisterin von Heidelberg umarmt Dietrich Lohff fest und herzlich nach einem Auftritt in einer Synagoge. Ein Kantor der das Stück uraufführt, ist zu Tränen gerührt und ein anderer Kantor aus Karlsruhe hat seine Zuschauer mit dem Stück tief beeindruckt. Eine Aufführung in Polen, Lodzs, wird vom Publikum sehr emotional und enthusiastisch aufgenommen. Sowohl Ausführende als auch Zuschauer sind sehr begeistert. Nach dem Stück traut sich keiner zu klatschen und es herrscht ein langes Schweigen. So auch bei uns, in Dormagen, am 8. November 2009. (K.G.)
 
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Musikalische Entwicklung
Dietrich Lohff wurde 1941 in der Nähe von Berlin geboren. Sein Vater war Pfarrer, was Auswirkungen auf seinen späteren Beruf hat. Lohff bekommt im Alter von 5 Jahren ersten Klavierunterricht und wagt im Alter von 6 Jahren die ersten Kompositionsversuche. Später dann, nach dem Abitur, beginnt er die Studien der evangelische Kirchenmusik, der Schulmusik und Germanistik. Er erhält Kompositionsunterricht bei Heinz Werner Zimmermann und Georg von Albrecht. Nachdem er mit den Studien fertig ist und seine Examina abgeschlossen hat, gründete Lohff die Rockgruppe „heaven on earth“. Mit dieser Gruppe tourt Lohff 1969-1974 (5 Jahre lang) durch Deutschland. Für die Gruppe schreibt er die „Mass in Rock“, was für eine Rockgruppe alles andere als ein typisches Lied ist. Einige Zeit später wird Lohff Gründer und Kopf  der Gruppe „Golem“. Lohff ist dann ab 1974 Musiklehrer an einem privaten Gymnasium in Heidelberg. Nebenher ist  er auch Leiter einer Musikschule, Lektor bei einem Verlag und noch vieles mehr. Er wird Stipendiat der Darmstädter Ferienkurse und des Richard Wagner Verbandes.
Es folgen mehrere Kompositionsaufträge. Danach beginnt Lohff mit der Musik zu experimentieren und erstellt Werke  wie "Sakrophonie, optische Musik für einen kirchlichen Raum" und "Eintracht Frankfurt", Kantate für Sportreporter, Synthesizer und Fan-Chor. Nach längerer kompositorischer Schaffenspause wendet er sich von der avantgardistischen Musik ab. Gelenkt von der Rockmusik wendet er sich der Tonalität zu. Neben vielen kleinen einzelnen Werken für die Kirche wird vor allem sein „Requiem für einen polnischen Jungen“, ein Gedenken an die Opfer des Holocaust und eine Hommage an den deutschen Offizier Wilm Hosenfeld berühmt. Hosenfeld rettet den berühmten polnischen Pianisten Wladyslaw Szpilman im Warschauer Getto vor dem Tod. Dieses Requiem wurde mehrfach aufgeführt und auch auf CD aufgenommen. Heute ist Lohff nebenamtlicher Kantor an der evangelischen Kirche in Dossenheim bei Heidelberg und Komponist. In den letzten Jahren hat er überwiegend nur noch sakrale Kompositionen erstellt. (C.H.)
 
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Vom Sprachrhythmus zur Melodie
Ich fand es sehr interessant, als Herr Dietrich Lohff  bei uns in der Schule war, denn er ist ein lockerer offener  Mensch, der auch gerne mal ein paar Witze erzählt.  Er berichtet uns von  seinem Leben und seinen Werken.  Wir haben viel über sein Leben erfahren. Z.B., dass er früher Lehrer war und wie er zum Komponieren gekommen ist. Doch am meisten hat es mich interessiert,  wie er die Melodien zu seinem Stück ,,Requiem für einen polnischen Jungen“ geschrieben hat. Im Fall des "Schlafliedes" sagt er, dass er die Texte gelesen hat, den Rhythmus des Textes empfunden hat und er direkt dazu eine Melodie in seinem Kopf hatte. Als ich das Stück ,,Requiem für einen polnischen Jungen“ live in Dormagen gesehen habe, war ich sehr berührt von den Texten, die die Opfer geschrieben haben. Wir haben das Werk zwar auch im Unterricht behandelt und uns auch einige Stücke angehört und besprochen. Doch es kommt ganz anders rüber, wenn man es hört und sieht.  Am meisten hat mich das Lied ,,Sonett von der endgültigen Frage“ berührt, weil in diesem Lied  von einem Jungen erzählt wird, der erhängt wurde. (J.M.)
 
Antifaschistische Kirchenmusik
Die Partitur „Requiem für einen polnischen Jungen“ ist die vertonte Version  einer Auswahl von Texten, die Juden in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland geschrieben und nach dem Krieg in dem Buch "An den Wind geschrieben" veröffentlicht haben. Der Komponist überrascht damit, dass keine atonalen Wendungen und keine akrobatischen Tonfolgen vorhanden sind, welche für die moderne Musik typisch sind. Außerdem dient das Requiem dazu, die anti-faschistische Stimme der (evangelischen) Kirchenmusik zu unterstützen. Zu der Art der Musik sagt der Komponist, dass er keinen „gigantischen orchestralen Aufwand“ verwendet hat, da ein Junge, der in diesem Stück vorkommt, kein großer Held oder einen riesigen Heldentod gestorben sei. Der Junge war vielmehr ein Opfer der Nazis und ist einen lautlosen und vergessenen Tod gestorben. (M.P.)
 
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Empfehlenswert
Vor dem Treffen denke ich mir, dass diese Begegnung mit einem Komponisten klassischer Musik super langweilig wird. Der Grund dafür ist, dass die klassische Musik so gar nicht meine Musikrichtung ist. Außerdem befürchte ich, dass Herr Lohff alles nur runter erzählt und froh ist, wenn er wieder weg ist. Doch schon als ich ihn das erste Mal sehe, denke ich mir, der ist aber gut und locker drauf. Als er dann anfängt zu erzählen merke ich, dass er wirklich offen und auch ein ganz witziger Typ ist. Man merkt richtig, dass er Spaß am Erzählen hat und er auch wirklich von sich aus mit den Schülern zusammen arbeiten will. Am Ende ist es doch eine tolle Erfahrung und ich kann ein Treffen mit diesem Herrn nur empfehlen. (K.G.)
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"Was ist Ihr Lieblingsverein?"
Ich fand das Gespräch mit Herrn Lohff sehr gut und informativ. Er hat doch schon nähere Einblicke in sein Privatleben gegeben als ich gedacht habe. Wir haben viel über seine Jugend bzw. generell viel über sein Leben erfahren. Er hat sein Leben geschildert vom Studentenaufstand bis zum Komponisten- bzw. Lehrerdasein. Zum Erscheinungsbild von Dietrich Lohff kann man sagen, dass er meiner Meinung nach wie ein typischer Komponist aussieht. Ich hätte aber nicht gedacht, dass er so offen über sein Leben spricht bzw. generell so offen ist. Obwohl wir unsicher sind, ob wir solche Fragen stellen wollen, beantwortet er die Frage nach seinem Lieblingsfußballverein schon, bevor wir sie gestellt haben. Was die Antwort (Eintracht Frankfurt) betrifft, naja...., aber ich fand das Interview gelungen. Später erfahre ich, dass Lohff in Bremen die höchste Aufführungsquote hat. Ob er demnächst seinen Verein ändert? (M.H.)
 
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Mozart aus dem Pfarrhaus als Anarcho
Ich habe mir so einen Komponisten eigentlich anders vorgestellt. Ich habe zwar noch nie vorher einen Komponisten getroffen, aber trotzdem habe ich so meine Vorurteile. Ich habe jemanden erwartet, der arrogant ist und sehr von sich selbst überzeugt ist. Und vor allem jemand, der aus einer reichen Familie stammt, wie das zum Beispiel bei Mozart der Fall ist. Aber er ist der Sohn eines Pfarrers und ist in einem kleinen Dörfchen aufgewachsen. Ich hätte dann wiederum auch jemanden erwartet, der politisch zu einer konservativen Haltung neigt, aber da haben mich meine Voruteile komplett getäuscht. Je mehr ich ihn kennen gelernt hatte, desto mehr bekam ich den Eindruck, dass er ein totaler Anarchist ist. Ich konnte mir im Laufe der Stunden immer besser vorstellen, wie er auf den Straßen als Anarcho gegen das System rebelliert hat. (C.K.)
 
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Kein Klischee-Komponist
Dietrich Lohff bestätigt weitestgehend nicht das Bild, was man als Schüler von einem Komponisten hat. Man stellt sich eitle, eingebildete Leute mit großer Selbstsicherheit vor. Vielleicht liegt es daran, dass Herr Lohff eine Zeit lang Lehrer war und so besser weiß, wie man mit Schülern umzugehen hat. Durch seine selbst erzählte ausführliche Biografie nahm er uns, die wir vorhatten, ihm Fragen zu stellen, vollkommen den Wind aus den Segeln. Sprich, durch seine Erzählung beantwortete er unsere Fragen schon zum Großteil. Desweiteren überaschte er mit einer vollkommenen Lockerheit - er war nicht streng aber auch nicht zu
locker! Er  erzählte von seinen Erfahrungen, die er als rebellierender Student und Mitglied des sozialistischen Studentenbundes gesammelt hatte. Dietrich Lohff kam so rüber, als wenn er sich einen Dreck darum kümmert, was andere Leute über ihn denken. Er verdeutlichte uns immer wieder, dass wir etwas gegen den wiederaufkeimenden Nazismus tun müssen. Wir dürfen nicht nur zusehen, wir müssen handeln ! Da ich im letzten Jahr das Glück hatte in einem Konzert und Live-Interview Detlev Glanert kennen zu lernen ist mir ein Vergleich möglich und der Unterschied wird überdeutlich. Es liegen meiner Meinung nach Welten zwischen den beiden. Glanert erfüllt das Klischee, er ist ernst, von sich überzeugt und eitel. Er beschäftigt sich mit der Klassik von Brahms, ergänzt diesen und verkündet gleichzeitig, dass nach Schönberg natürlich kein Komponist mehr einfach so schreiben kann wie Brahms. Lohff erweckt den Eindruck, er sei nicht abgehoben - er ist auf dem Boden geblieben und hält sich nicht für besser! Dies macht ihn noch sympathischer!
Der Unterschied zwischen der Aufnahme der CD (wir hatten im Musikunterricht drei Stücke näher  besprochen) und dem am Sonntag gehörten Konzert in der Christuskirche war merklich. Lohffs "Entschuldigung", die er an die Dirigenten und den Chorleiter des Stückes verfasst hat, das sein Werk weder spektakuläre Wendungen oder sonstige atonale Merkmale beinhalte, macht er durch die Rhythmisierung einzelner Stücke, speziell der "Phantasie", wieder wett. Diese wichtige Rhythmisierung war am Sonntag leider nicht gegeben und so wurde die Wirkung des Stückes sehr beeinträchtigt, aber das war nicht nur bei der Phantasie der Fall. Schade war auch, dass man die Sänger und Sängerin nicht immer verstehen konnte, dass es entweder zu laut von Seiten des Orchesters, speziell der Blechbläser war und man so die Sänger nicht verstehen konnte oder, dass das Gesungene nicht vernünftig artikuliert und betont war (manchmal traff auch beides zu). Alles in allem hat mir aber der Live-Auftritt trotz der Beeinträchtigungen besser gefallen als die CD! Dies liegt daran, dass man von der Live-Version mehr bewegt wird als von der Konserve! Und das will wohl auch der Komponist. (C.H.)

Kursleitung: Dr. Stefan-Georg Schnorr
 
Aus: Neuß-Grevenbroicher Zeitung v. 9. November 2009:
Der protestierende Pianist

Vor 71 Jahren wüteten die Nazis in der Reichsprogromnacht. Dietrich Lohffs Komposition "Requiem für einen polnischen Jungen", das in der Christuskirche aufgeführt wurde, handelt davon. Das Portrait eines Unangepassten.

NIEVENHEIM Vor dem Unterricht zündet er sich noch eine "West" an, das graue Haar weht zerzaust im Wind, dann blickt Dietrich Lohff vielsagend über den Rand seiner Brille urid sagt: "Die Zigarre ist das Vehikel der Arbeit." Das habe schon Bismarck gesagt.
Der Heidelberger Komponist, Jahrgang 1941, steht vor der Turnhalle der Gesamtschule in Nievenheim, gleich beginnt die dritte Stunde. Er soll dann vor einem Dutzend Schülern der Jahrgangsstufe elf über sein Werk "Das Requiem für einen polnischen Jungen" sprechen, das von der Judenverfolgung während der Reichsprogromnacht handelt. Es ist das Thema seines Lebens, das geprägt ist vom Protest gegen Konventionen, von Fußball, vor allem aber von der Musik und dem Klavierspiel. Es beginnt in der Enge und dem Mief von Bobstadt, einem 600-Seelen-Kaff, in dem der Pfarrerssohn aufwächst.
Um 18 Uhr läutet die Betglocke. "Jeden Abend um 18 Uhr hat dort die Betglocke geläutet, dann musste man so tun, als ob man ein Gebet spricht", sagt Lohff. In der Schule bleibt er sitzen, wird auf ein Internat nach Heidelberg geschickt. Er blüht dort auf und wird zum Klassenprimus. Es ist die Zeit der 68er Bewegung. Lohff verteilt Flugblätter gegen den Vietnam-Krieg, protestiert gegen den amerikanischen Imperialismus, läuft durch die Straßen und skandiert: "Ho-Ho-Ho Chi Minh!"
Dieter Lohff schaut ernst in die Runde, und es wird ziemlich deutlich, dass er immer noch nicht viel vom Kapitalismus hält. Musikalisch bricht der Heidelberger in neue Dimensionen vor. Er entdeckt Jimi Hendrix, Emerson, Lake & Palmer, King Crimson, Gentle Giant und Pink Floyd. Die Schüler blicken gebannt auf Dietrich Lohff, dessen CD sie im Unterricht besprochen haben und der dort vor ihnen an seinem Holztisch sitzt, sich Wasser in seinen "Zahnputzbecher" gießt. Es fällt ihm nicht schwer, die Schüler zu unterhalten, er war selbst mal Lehrer, hat Schulmusik studiert.
"Ich habe mich allerdings nie an den Lehrplan gehalten" sagt er. Das macht er auch heute nicht. Doch es ist ihm wichtig, den Blick der Schüler zu schärfen. Er zitiert aus dem Buch "An den Wind geschrieben", dessen Zeilen er für das Requiem verwendet hat: "Sieh, Herr, die Toten kommen zu Dir. Die wir geliebt sind allein und sehr weit. Nun müssen wir ihre Münder sein."
Es sind Worte, die an den Tag heute vor 71 Jahren erinnern sollen, als die Nazis in der Reichspogromnacht jüdische Geschäfte, Wohnungen und Friedhöfe zerstörten und schändeten. Es sei die einzige Komposition, die die Pogromnacht thematisiere, sagt Lohff, der das Werk vor elf Jahren schrieb. Er schaut, als könne er nicht verstehen, dass das so ist. Dabei empfehle er das Anwachsen von Wut.
Am Ende fragt Lohff die Schüler, welche Musik sie denn mögen? Culcha Candela, Marschmusik, Metallica - Metallica? Die hätten doch auch ihre Stücke von einem Orchester vertonen lassen, sagt Lohff und lächelt wissend. Er legt den Schülern ans Herz, in Pink Floyds "The Piper at the Gates of Dawn" reinzuhören. Niemand schaut, als werde er nach dem Unterricht die Platte aus dem Netz herunterladen. Doch die Blicke bleiben während der 90 Minuten nachdenklich. Und vielleicht ist das alles, was Dietrich Lohff erreichen wollte.
Jens Krüger

 
Textdokumentation
Die nachstehenden Texte, die für das Requiem verwendet wurden, stammen aus Manfred Schlösser u.a. (Hrsg.), An den Wind geschrieben. Lyrik der Freiheit 1933-1945, Darmstadt (Agora) 1960. Vgl. auch den entsprechenden Link unter "Verweise" unten.
 
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 Umschlagseiten des CD-Booklets (CD z. Zt.vergriffen)
 
TOTENGEBET
Sieh, Herr, die Toten kommen zu Dir.
Die wir geliebt sind allein und sehr weit.
Nun müssen wir ihre Münder sein
und beten zu Dir, Du Ewigkeit.

Nimm ihr müdes Herz in die gütige Hand.
Da wird es still.
Eine Schwalbe, die ihre Heimat fand
und schlafen will.

Auf ihre Augen, die müde vom Licht,
lege Dein Kleid,
dass sie träumen von deinem Angesicht,
Du Dunkelheit.

Und ihre Hände, die immer bereit
Dein Werk zu tun,
o, Gott, Du ewige Erntezeit,
lass sie ruhn.

Wir aber leben und dürfen nicht
die Tage versäumen.
Wir tragen geduldig das schwere Gewicht
zu Deinen Träumen.

O, Herr, die Lebenden kommen zu Dir.
Die wir geliebt sind allein.
Wir finden sie nicht.
Du aber wirst die Erleuchtung sein,
Du Licht.
 
Georg Kafka * 15.2.1921, Teplitz-Schönau. Wurde im Sommer 1942 in das KZ Theresienstadt eingeliefert. Folgte am 15.5.1944 seiner Mutter freiwillig nach Auschwitz. Er starb Ende 1944 im Lager Schwarzenheide. Er war ein weitläufiger Verwandter von Franz Kafka.
 
SCHLAFLIED FÜR DANIEL
Wir fahren durch Deutschland, mein Kind,
und es ist Nacht.
Es klirren die Scheiben im Wind,
die Toten sind aufgewacht.

Die Toten von Auschwitz, mein Sohn.
Du weißt es nicht.
Du träumst von Sternen und Mohn,
von Sonn und Mondgesicht,
von Sternen und Mondgesicht.

Wir fahren durch Deutschland, mein Kind.
Und es ist Nacht.
Die Toten stöhnen im Wind,
viel Menschen sind umgebracht.

Du darfst nicht träumen, mein Sohn,
von dieser Pracht.
Sieh doch, es leuchtet der Mohn,
wie Blut so rot in der Nacht.

Wir fahren durch Deutschland, mein Kind.

Die Toten klagen im Wind
und niemand ist aufgewacht
 
Siegfried Einstein *30.11.1919, Laupheim (Württ.). Bereits in der Schule als Jude verpönt. Emigrierte 1934 in die Schweiz. Dort war er von 1940–45 in Arbeitslagern. Kehrte 1953 nach Deutschland zurück. Zunächst lebte er in Lampertheim, wo er erneut antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt war. Er siedelte nach Mannheim und starb dort 1987.
 
SONETT VON DER ENDGÜLTIGEN FRAGE
Ihr sagt, dass unermesslich reich und voller Schönheit diese Erde sei.
Es wogt und drängt bis hin zum Horizont des Kornes reife Last.
Und wo beglückt der Sonne heller Strahlenkranz zerfließt,
neigt tiefer sich, von süßer Frucht behangen, jeder Ast.

Ich aber will euch sagen, was ich mit eignen Augen sah.
Wohl wahr, in segensreicher Fülle breitet sich das Land.
Oh, einen Menschen sah ich nur, als ich an einem Morgen stand dort,
wo die Stadt beginnt und oft schön Ähnliches geschah.

Vom Wind bewegt, so hing er hoch, ganz hoch in einer Linde.
Ein Auge zu, indessen noch das andre starr den Himmel sucht.
Und aufgerissen war sein Mund, als brüllte er verflucht.

Der Hals jedoch war fest verschnürt in einer grauen Binde.
Und blutig hing das rohe Fleisch aus den zerfetzten Schuhn.
Was sagt ihr, meine Menschenkinder, he, was sagt ihr nun?
 
Jesse Thoor (Peter Karl Höfler) * 23.1.1905, Berlin. Sohn österreichischer Eltern. War literarischer Autodidakt. Ging 1933 von Berlin nach Wien, 1938 nach Prag.1939 Flucht nach London, dort wurde er einige Zeit interniert. 1950 kehrte er zurück nach Österreich und starb am 15.8.1952 in Lienz.
 
ICH MÖCHTE LEBEN
Ich möchte leben.
Ich möchte kämpfen, lieben und hassen.
Ich möchte den Himmel mit Händen fassen.
Ich möchte frei sein und atmen und schrein.

Ich will nicht sterben.
Nein.
Das Leben ist rot,
das Leben ist mein,
mein und dein.
Warum brüllen die Kanonen?
Warum stirbt das Leben für glitzernde Kronen?

Da ist der Mond.
Er ist da.
Nah, ganz nah.

Ich muss warten.
Worauf?
Hauf um Hauf sterben sie.

Ich will leben,
und du, Bruder, auch.

Atemhauch geht von meinem und deinem Munde.
Der Mond ist lichtes Silber im Blau.
Die Pappeln sind grau.
Und Wind braust mich an.
Die Straße ist hell.

Sie kommen dann und würgen mich,
mich und dich.
Das Leben ist rot,
braust und lacht.
Über Nacht bin ich tot.

Ein Schatten von einem Baum geistert über den Mond.
Man sieht ihn kaum.
Ein Baum, ein Leben kann Schatten werfen
über den Mond.
 
Selma Meerbaum-Eichinger * 1924, Czernowitz. Verwandt mit Paul Celan. Sie starb am 16.12.1942 im deutschen Arbeitslager Michailowka. Sie war 18 Jahre alt, wurde irgendwo verscharrt. Ihr Freund Lejser Fichmann starb bei dem Versuch Palästina zu erreichen.
 
EUCH FEHLT DIE PHANTASIE
Euch fehlt die Fantasie,
dass man euch durch die Straßen jagen wird,
dass man eure Schränke durchwühlen wird,
dass man euer Telefon überwachen wird,
dass man euch Titel und Namen nehmen wird.

Euch fehlt die Fantasie,
dass euch eure Freunde nicht mehr grüßen werden,
dass euch eure Frauen nicht mehr lieben werden,
dass euch eure Kinder nicht mehr achten werden,
dass euch eure Diener nicht mehr dienen werden.


Euch fehlt die Fantasie, was wahr wird zu ersinnen.
Euch fehlt die Kraft, was wirklich wird zu glauben.
Euch fehlt der Mut, was klar ist zu erkennen.
Euch fehlt das Wort, was ihr wisst zu sagen.

Dass man euch hinter Stacheldraht sperren wird,
dass man euch ins Gesicht spucken wird,
dass man eure Bücher verbrennen wird,
dass man euer Werk verleugnen wird.

Dass man euch aus dem Lande treiben wird,
während Glocken läuten und Schafe weiden.
Während Züge pünktlich abfahren.
Während der Bäcker jeden Morgen das Brot bringt.

Ohne, dass eine Hand sich hebt,
ohne, dass sich ein Sturm zusammenzieht,
ohne, dass eine Stimme aufschreit,
ohne, dass eine Träne vergossen wird.

Dass ihr vergessen sein werdet, als wäret ihr nie gewesen,
dass ihr gekommen sein werdet und davongegangen,
dass ihr verloren sein werdet und verschollen,
dass der Tag dämmern und dunkeln wird wie je.

Euch fehlt die Fantasie, um was ihr tut zu fürchten.
Euch ist die Macht geraubt, euch zu erschrecken.
Euch ist der Ton versagt, um aufzustöhnen.
Euch ist das Glück versagt, vor Scham zu weinen.

Euch fehlt die Fantasie.
 
Martin Gumpert * 13.11.1897, Berlin. Sanitätssoldat im ersten Weltkrieg. Studierte Medizin in Berlin und Heidelberg. Vor 1933 Chefarzt und Schriftsteller. Emigrierte 1936 in die USA, wo er als Arzt tätig war. Starb am 18.4.1955 in New York. Er schrieb diesen Text bereits 1934.
 
ELEGIE AUF EINEN POLNISCHEN JUNGEN
Sie trennten dich, mein Sohn, von Träumen, die wie Falter zittern.
Sie malten eine Landschaft dir aus Bränden und Gewittern.
Sie strickten feuchte Augen dir, mein Sohn, die rot verbluten.
Und mit Gehängten säumten sie den Fluss der grünen Fluten.

Sie prägten dir die Heimat ein, mein Sohn, mit toten Schritten.
Das Messer deiner Tränen hat sich die Wege ausgeschnitten.
Sie zogen dich im Dunkel groß mit Angst, die alle aßen.
Und du gingst blind die bitterste der Menschenstraßen.

Du gingst, mein heller Sohn, die schwarze Waffe in den Händen.
Erlebtest jenen Stundenschlag, mit dem die Übel enden.
Und deine Hand bekreuzte noch die Welt bevor sie sank.
War es die Kugel, war es das Herz, was da zersprang?
 
Krystof Kamil BacziÅ„sky * 22.1.1921. War aktiv beim Aufstand im Warschauer Ghetto, wurde am 4.8.1944 in der Warschauer Oper von einem deutschen Soldaten erschossen. Er veröffentlichte etwa 500 Gedichte und 20 Erzählungen.
 
HEIMKEHR
Unsere Mütter sind gestorben,
unsere Frauen sind alt.
Unsere Häuser sind verdorben,
überall war Gewalt.

Wo sollen wir sitzen, wo sollen wir speisen,
was ist unser Vaterland?
Ein Boden aus Blut und Eisen
und ein Himmel voll Brand.

Wenn wir unsern Kindern begegnen,
sie werden uns nicht mehr verstehn.
Wir werden sie schweigend segnen
und weiterziehn.
 
Franz Theodor Csokor * 6.6.1885, Wien. Im 1. Weltkrieg Soldat. Dann freier Schriftsteller, Dramaturg und Regisseur. Protestierte auf dem PEN-Kongress gegen die Verfolgung deutscher Kollegen. Floh 1938 über Polen, Rumänien, Jugoslawien nach Italien und kehrte 1946 nach Wien zurück. Diverse Preise. „Heimkehr“ wurde auf der Flucht verfasst.
 
EIN JÜDISCH KIND
Ich habe keinen Namen,
ich bin ein jüdisch' Kind,
weiß nicht, woher wir kamen
und wo wir morgen sind.

Ich spreche viele Sprachen,
verlern' sie wiederum.
Für das, was wir ertragen,
ist jede Sprache stumm.
 
Unbekannter Verfasser
 
 
Kummulierte Web-Verweise der Schülerbeiträge
http://www.cantamus.info/Projekt-Info-Jochanaan.pdf http://www.dietrichlohff.de/web/start/default.php?seite=../start/start.htm http://de.wikipedia.org/wiki/Dietrich_Lohff  http://www.dietrichlohff.de/web/start/default.php?seite=../start/start.htm http://de.wikipedia.org/wiki/Wilm_Hosenfeld http://de.wikipedia.org/wiki/Holocaust http://de.wikipedia.org/wiki/Warschauer_Ghetto http://www.dietrichlohff.de/web/start/default.php?seite=../_info/termine.htm
 
Verweise
• Das musikalische Mahnmal von Dietrich Lohff, "Requiem für einen polnischen Jungen", ist als CD-Produktion z.Zt. vergriffen. Hier lohnt sich ein Blick nach You Tube: Georg Kafka, Totengebet, Franz Theodor Csokor, Heimkehr, Unbekannt, Ein jüdisch Kind. Dietrich Lohff besitzt eine Homepage. • Die sehr umfangreiche literarische Vorlage, auf die Lohff zurückgreift, ist  Manfred Schlösser u. Hanz-Rolf Ropertz (Hrg.), An den Wind geschrieben. Gedichte aus den Jahren 1933-50, (Agora Verlag) Darmstadt 1960. Nachdem das Werk lange Zeit vergriffen war, ist es gegenwärtig beim Agora Verlag  in Berlin wieder neu aufgelegt und  dort auch zu beziehen • Lohff widmet das Requiem "dem Andenken Wilm Hosenfelds". • Die Begegnung zwischen dem polnischen Pianisten Wladislaw Szpilman und dem deutschen Hauptmann Wilm Hosenfeld wird in dem Spilefilm "Der Pianist" dargestellt. Der Trailer zu diesem informativen und sehr empfehlenswerten Film findet sich hier. • Ein bedrückendes & u.a. fotographisches Dokument aus dem Warschauer Getto ist Günther Schwarzberg, Das Getto, Göttingen 1993 • Fotos und Collagen stammen, sofern nichts Gegenteiliges vermerkt, vom Autor.   
 
 
 

 

 

 

 

 

 

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