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Bertha von Suttner
- zwischen gestern & morgen
 Von Stefan-Georg Schnorr
Wie mit einem Namen umgehen? Der beste Ratgeber ist zunächst: Vorsicht vor voreiliger und vordergründiger Identifizierung! Die Zeit der Auseinandersetzung um den Namen ist vorbei. Das ist eine Chance: Die Chance zu unvoreingenommener Annäherung. Ohne Zeitdruck und ohne Zwang zu unkritischem Beifall, der im Nachhinein nur einen fahlen Beigeschmack hinterlassen würde.
"Die Waffen nieder"
"Bertha von Suttner" ist ein Name, der uneingeschränkt mit dem Begriff "Frieden", mit der weltweit bekannten Parole "Die Waffen nieder!" verbunden wird. Nicht-Zustimmung kann sich bei diesen Worten gar keiner mehr leisten. Aber wenn wir wirklich beantworten wollen, was denn für uns Frieden bedeutet, ist die Sachlage nicht mehr so selbstverständlich. Unter Frieden die "Abwesenheit von Krieg" zu begreifen, ist zwar ein weithin geteiltes Grundverständnis. Aber schon hier hätte Bertha von Suttner widersprochen. Das wäre ihr zu wenig gewesen! Wie wird Frieden auf Dauer gestellt? Die Auseinandersetzungen gehen weiter, nehmen eher zu. Nur ein flüchtiger Blick auf die Diskussion um Strategien zur Friedenssicherung auf dem Balkan, in Afghanistan oder dem Irak macht das schlagartig deutlich!
 
Suttner & Das Jahrhundert der Extreme

Bertha von Suttner stellt uns am Ende des 20. Jahrhunderts eine schlichte, aber in ihren Konsequenzen höchst fatale Frage: Welche Bedeutung haben die besten Ideen und Erwartungen des 19. Jahrhunderts für das 21. Jahrhundert. Denn eines ist unbestritten. Die Hoffnungen, die sie im 19. Jahrhundert für den Beginn des 20. Jahrhunderts artikuliert hat, sind nicht zu verstehen, ja fast sogar weltfremd zu nennen, ohne einen spezifischen fortschrittsoptimistischen Ausblick in Rechnung zu stellen, der im 19. Jahrhundert geboren worden ist und  zum integralen ideengeschichtlchen Kernbestand dieser Zeit gehört. Humanitarismus, Bildungsoptimismus, Fortschrittsoptimismus und mit ihnen der Glaube an die Besserbarkeit des Menschen aus sich selbst heraus, sind Erbstücke aus dem 19. Jahrhundert. Die Verlässlichkeiten von Vernunft, Bildung und Humanität, auf die Bertha-von-Suttner setzte, sind fragil, sind zerbrechlich. Den Zeitgenossen von heute mag das im Nachhinein noch bewußter sein, als den -meist platten und peinlichen- Kritikern ihrer Zeit. Zwei Weltkriege oder, wie der englische Historiker Eric Hobsbawm formuliert, "Das Jahrhundert der Extreme", hat an diesen positiven Erwartungshaltungen zutiefst genagt und Zweifel hinterlassen. Dieses ausgehende Jahrhundert kann nicht von sich behaupten, die positiven Erwartungen der Bertha von Suttner bestätigt zu haben - ganz im Gegenteil. Allerdings: Unser Jahrhundert macht aus dem Begriff "Pazifismus" nicht einfach noch einmal das Schimpfwort, als das er -und das war die andere Seite- im 19. und 20. Jahrhundert auch gegolten hat. Wie zwei Seiten ein und derselben Medallie leuchtet auf der einen Seite die Prägung von universeller Fortschrittshoffnung  und blendet auf der anderen Seite die Prägung von schwärzestem kulturellen Absturz. Gleichzeitig. Dieses Jahrhundert der Extreme unterstreicht wahrscheinlich wie kaum ein anderes die nachhaltige Notwendigkeit den "Kriegszustand" zwischen und in Gesellschaften zu beheben, zu ächten oder abzumildern.
Suttner & Gandi
Aber Faszination und Utopie, für die Bertha von Suttner und der Begriff des "Pazifismus" stellvertretend gelten, stehen unter einem Vorbehalt. Ein Beispiel von einem anderen Kontinent kann diesen Vorbehalt sehr  deutlich veranschaulichen. Gandhi, ein Mann, der der Gewalt, nicht aber der Politik, abschwor, eine historische Persönlichkeit von erstem Rang, hatte Erfolg. Aber dieser Erfolg war nur möglich unter den besonderen politisch kulturellen Voraussetzungen, die damals in England galten. Mit schmerzlich ernüchternder Klarheit hat der Philosoph Karl Jaspers das auf die Formel gebracht: "Solche Politik der Gewaltlosigkeit hätte früher nie ein solches Ergebnis gehabt und würde es in Zukunft nur unter Bedingungen haben können, die durch Liberalität, Öffentlichkeit, Rechtlichkeit der englischen analog wären." Seine Schlußfolgerung ist ernüchternd: "Die Befreiung Indiens durch Gandis Politik der Gewaltlosigkeit ist vielmehr ein Ereignis innerhalb der englischen Politik, vielmehr die Folge eines Ringens Englands mit sich selbst als eine indische Tat." Man könnte hinzusetzen: Die Folge eines Ringens vor dem geistigen Horizont des 19. Jahrhundert - einem Horizont mit weiten Ausblicken, aber auch unüberwindbaren Begrenzungen. Wollen wir uns wirklich ausmalen, was geschehen wäre, wenn Gandhi auf die Struktur und Kultur des nationalsozialistischen Deutschlands gestoßen wäre - sozusagen auf das 20. Jahrhundert? Wenn Panzer einfach über Demonstranten fahren, so geschehen in Peking auf dem "Platz des Himmlischen Friedens", ist jede Form von Gewaltlosigkeit zum Scheitern verurteilt. Der Gegner bestimmt zu wesentlichen Teilen Erfolg oder Nicht-Erfolg einer pazifistischen, gewaltlosen Aktion.
Voraussetzungen der Zivilisation

Ohne potentiell in einer Kultur eingelagerte Friedfertigkeit, ist Pazifismus nicht möglich. Bertha von Suttner macht sich von Voraussetzungen abhängig, die sie vermutlich selber gar nicht zu formulieren vermochte, - ohne die ihre Hoffnung oder Zuversicht aber nicht zu verstehen sind. Das ist nicht wenig und weitaus mehr als lediglich eine 'realpolitische' Zurechtstutzung dieser Friedensnobelpreisträgerin. Es ist ein unmißverständlicher Fingerzeig - eine Warntafel für die Tiefenschichten unserer Zivilisation. Ohne die von Jaspers genannten Rahmenbedingungen, wie Öffentlichkeit, Liberalität und eine gewisse Form von Rechtsauffassung und Rechtssicherheit hat Zivilisation so gut wie keine Chance. Das Ende des Rechts ist der Anfang vom Ende. Die Wirksamkeit von Gewaltfreiheit bedarf der Voraussetzungen, die sie nicht selbst zu schaffen in der Lage ist. Das ist übrigens kein Argument gegen den Pazifismus. Aber die Achillesferse allen pazifistischen Unterfangens lautet: Friedfertigkeit setzt Friedfertigkeit voraus. In Teilen, in kleinen Dosen, in Ansätzen, in Spurenelementen, womöglich verschüttet und überlagert, aber eben nicht gänzlich ohne Wirkungsmächtigkeit. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Pazifismus als beständige Aufgabe macht sich stark für eine funktionierende Öffentlichkeit und die in ihr angesiedelten demokratischen Verfahren der Auseinandersetzung. Der 'Aufbau' und das 'Betreiben' einer gerechten Gesellschaft: Das wäre -wie man so sagt- mindestens schon 'die halbe Miete', wenn nicht sogar mehr.

Gewalt ist keine Form der politischen Auseinandersetzung
Die Tatsache, dass Menschen ihre Konflikte und notwendigen Entscheidungen nicht mit der Keule austragen, ist zunächst einmal überhaupt nicht selbstverständlich. Darauf zu verzichten, ist eine fundamantalpolitische Übereinkunft zwischen ihnen. Dies machen wir uns heute, besonders in Europa, viel zu wenig bewusst. Menschen müssen sozusagen darin übereinkommen, sich auf eine bestimmte zivilisatorische Form der Auseinandersetzung festzulegen. Der berühmte Satz von Clausewitz, "Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln",  hat immer mehr Konjunktur. Er gilt solange und immer mehr, wie Menschen sich nicht geeinigt haben, zugunsten einer anderen fundamentalpolitischen Prämisse auf Gewalt zu verzichten. Der Name dieser Alternative ist uns allen bekannt: Gewalt ist keine Form der politischen oder gesellschaftlichen Auseinandersetzung! Das Ziel von Bertha von Suttner ist ein fundamentalpolitisches Ziel. Mit ihm beginnt -und endet Zivilisation! Was aber, wenn Menschen nicht zu dieser Übereinkunft gelangen - gelangen wollen - gelangen können? Kann und soll man sie -von außen- sozusagen dazu zwingen?
Einrichtung richtiger Verhältnisse?
Immanuel Kant formulierte in seiner berühmten Schrift "Zum ewigen Frieden" (1795), dass auch für ein "Volk von Teufeln" ein friedliches Zusammenleben organisierbar sein müsse. Der englische Staatsphilosoph Thomas Hobbes argumentierte in seinem Buch "Leviathan" (1651) ähnlich: Er sieht die Menschen durch Missgunst, Leidenschaft und Konkurrenz geprägt. Und dennoch glaubt auch er an die Möglichkeit, dass diese Menschen ein friedliches Zusammenleben zu organisieren vermögen. Bertha von Suttner war -und das wird leider zu wenig gesehen- nicht nur eine Moralistin, die an die individuelle und kollektive "Besserbarkeit" der Menschen glaubte, sondern sie war auch die Streiterin für "internationale Schiedsgerichte", eine Streiterin für jene "Gehäuse" des gemeinsamen Umgangs, die den Menschen zu binden und zu zähmen vermögen. Und heute wissen wir, dass die Faszination von "commodious living" in einem kapitalistischen Käfig nicht nur Probleme bereithält, sondern ähnlich friedensstiftende Effekte zu generieren vermag wie sie internationale Schiedsgerichtsbarkeit beabsichtigte. In vielen Fällen grenz-, ja sogar, kulturübergreifend.
"Hundert und hundertmal muss der Nagel ... getroffen werden..."
Das humanitäre und idealistische Ideal des 19. Jahrhunderts beschreibt Bertha von Suttners beste Hoffnungen. Allerdings vermag die Welt ohne dieses Ideal zu funktionieren. Und sie funktioniert (leider) nicht schlecht genug, als dass zu hoffen wäre, ihr Ideal würde sich von selbst durchsetzen. Auch ein Funktionieren, das uns dem Abgrund näher bringt -so lassen sich die Erfahrungen mit dem "Kalten Krieg" interpretieren- führte nicht notwendigerweise zu einer flächendeckenden Wertsteigerung ihrer Ideale. Auch der von Menschen angezettelte Krieg gegen die Natur scheint nichts Nachhaltiges zu bewirken. Aber im besten Fall wird der Diskussion um ihre Haltung ein neues Interesse verliehen. Und an diesem Punkt beginnt die kämpferische Akzentuierung. Max Weber hat Politik einmal mit dem beständigen "Bohren von dicken Brettern" verglichen, wohlweißlich der Tatsache, dass sie ein langwieriges, zeitraubendes und mühsames Geschäft sein kann. Bertha von Suttner hat ihre Ziele wie folgt kommentiert: "Neue Ideen sind wie Nägel - alte Zustände und Institutionen sind wie dicke Mauern. Da genügt es nicht, den spitzen Nagel hinzuhalten und einen Schlag zu tun. Hundert und hundertmal muss der Nagel getroffen, und zwar auf den Kopf getroffen werden, damit er endlich sitze." In einer Zeit, in der Peter Sloterdijk eine Neubesinnung auf das Wechselspiel von Trainer und Training proklamiert und uns zuruft, "Du musst dein Leben ändern", verwandelt sich Bertha von Suttner sozusagen zu einer Mahnerin, deren Ideenrepertoire weniger wichtig wird als ihr Methodenrepertoire. In einer "Welt im Wandel", und hier ist im Kern die Situation heute mit der Veränderungseuphorie des 19. Jahrhunderts vergleichbar, sind Entwicklungsbrüche und -schübe denkbar und wahrscheinlich, die lange Zeit unmöglich schienen. Diesen Prozess mit Verve zu begleiten und zu steuern, gegen die Blindwütigkeit von Effizienzfaselei und die Beliebigkeit von Pragmatismus anzugehen, nicht aufzugeben, und durchzuhalten  - das ist in Zeiten wachsender Beliebigkeit und Kurzlebigkeit kein geringes Vermächtnis.
Massenmörder - Die deutsche Erfahrung
Bertha von Suttners friedenspolitisch zentrierter Pazifismus muss sich demgegenüber auf seine immanenten Beschränkungen hin befragen lassen. Als Geisel der Gewalt eben dieser Gewalt zu entgehen, ist eine jener fatalen (historischen) Situationen, in denen die Grenze von Gewaltlosigkeit überdeutlich wird. Der Historiker Eberhard Jäckel spricht vom "Jahrhundert der Deutschen", und die Bilanz dieses Jahrhunderts fällt für uns Deutsche nicht schmeichelhaft aus. Aber ab einem bestimmten Zeitpunkt war der Krieg gleichsam gar keine deutsche Erfindung mehr. Der Historiker Jörg Friedrich hat darauf hingewiesen: 1945 ist die geschichtlich einmalige Situation, wo die Friedlosigkeit unter Aufbietung aller zur Verfügung stehender Mittel durch physische Unterwerfung von außen ausgeschaltet wurde. D-Day, Stalingrad, Dresden, Köln und Hamburg könnte man nennen. Und Friedrich fragt: "Wo haben Massenmörder und Völkermörder heute noch die physische Unterwerfung zu fürchten?" Seine Antwort, unmißverständlich: "Nirgends!" Man könnte hinzusetzten, dass sie sich heute sogar umso sicherer fühlen können, je weniger ökonomische Interessen mit im Spiel sind. Sollte uns das nun weniger Angst machen oder sollte es uns beunruhigen? Welche westliche Gesellschaftsallianz würde sich heute noch einmal auf das einlassen, worauf sich die Alliierten im Zweiten Weltkrieg eingelassen haben? Wer ernsthaft über Bertha von Suttner nachdenkt, kommt an solchen Fragen und ihren Konsequenzen nicht vorbei.
Kompromisslos - aber wieweit?
Die Überzeugungsarbeit und die gesellschaftlichen Anstrengungen für einen gewaltlosen Umgang zwischen Menschen und Staaten vermögen im ungünstigsten Fall auf eine undurchdringliche Mauer aus Ignoranz und Fanatismus zu stoßen. Die Überzeugungsarbeit für Friedfertigkeit auf der einen Seite und die kompromisslose Haltung gegenüber Friedlosigkeit auf der anderen Seite sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Sowohl im völkerrechtlichen als auch im kulturellen Sinne. Pazifismus hat nur eine Chance, als Gegenstand des kompromisslosen Streites und der kompromisslosen intellektuellen Auseinandersetzung um jene Rahmenbedingungen, die eine pazifistische Haltung überhaupt erst ermöglichen. Und das erfordert auch Unnachsichtigkeit gegenüber alljenen, die sich demonstrativ außerhalb der zivilisatorischen Gewaltfreiheit stellen und die Schaffung solcher Rahmenbedingungen permanent torpedieren.
Politische Bildung - Chance für eine Utopie?
 
 
Unsere Namenspatronin hinterlässt uns kein fertiges Programm, und taugt auch nicht für einen Transparent- und Bekenntnisaktionismus, der mehr auf Erregung, denn auf Erhellung zielt. Bertha von Suttner hinterlässt uns (zu) viele offene Fragen darüber, wie dem 21. Jahrhundert die besten Erwartungen des 19. Jahrhunderts abzutrotzen sind. Eine Schule, die dem Namen Bertha von Suttner verbunden ist, muss sich in erster Linie aus den zerbrechlichen Voraussetzungen der Zivilisation heraus um Konsequenzen und Stabilisierung bemühen und darf sich nicht in schönredende Phrasen über Pazifismus und Frieden verirren. Gesellschaft als ein auf Dauer gestelltes Nullsummen-Spiel, wo der Gewinn des einen nur als Verlust des anderen erreichbar ist, ist nichts anderes als ein Freifahrtschein in Richtung Gewalt. Gestellt ist somit die Frage nach der Realitätschance einer friedlichen und sozialen Utopie, die sich über ausgleichende Gerechtigkeit herstellt. Das scheint einer der entscheidensten Bedingungen auf dem Weg zu Friedfertigkeit zu sein. Wenn man so will, ist das die Frage nach der alltäglichen Realitätschance von verhaltensändernder Erziehung und Bildung -und natürlich nach den entsprechenden Vorbildern. Denn Lernen zielt nun einmal  auf Verhaltensänderung. Konkret: An der Bertha-von-Suttner-Gesamtschule gibt es ein zwischenzeitlich gar nicht mehr so junges, aber erfolgreiches Projekt, bei dem Schülerinnen und Schüler Konflikte selber schlichten. Dazu gehören "geschulte" Schülerinnen und Schüler als "Schlichter", ein eigener "Schlichterraum" (ohne Lehrer) und ein eindeutig definiertes und formalisiertes "Verfahren" (mit Protokollen als Dokumentation für die "Kontrahenten"). Das hat viel mit der Bertha von Suttner zu tun, die nicht nur "Moralistin" war, sondern sich für jene 'Gehäuse' und 'Verfahren' einsetzte, die einen friedlichen Interessenausgleich ermöglichen - auch und gerade im Konfliktfall! Sehr viel unspektakulärer ist demgegenüber der Hinweis auf politische Bildung. Politisches Lernen ist gemeinhin fokussiert im Gesellschaftslehreunterricht in der Sekundarstufe I oder im sozialwissenschaftlichen Unterricht in der Sekundarstufe II. Wenn auch nicht auf breiter Front Zustimmung, so findet politisches Lernen doch  auch fächerübergreifend zunehmend Gehör. Aber das ist eben nur Alltag - keine Methodenakrobatik und kein Quotenaktionismus. Allerdings ein Alltag, um den uns Bertha von Suttner beneidet hätte! Ist uns das wirklich klar und handeln wir entsprechend?

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